
Die Geschichte
Die Wahrheit, die mich fand
Ein Zeichen aus der Vergangenheit bringt Emilias geordnetes Leben ins Wanken. Eine Geschichte über Erinnerung, Verlust und den Mut, sich selbst neu zu begegnen.
Leseprobe · Auszug aus dem Buch
Kapitel 1 – Der Weckruf
Der Regen prasselte gegen das Fenster wie lauter kleine Erinnerungen, die irgendwo in ihrem Inneren anklopften. Emilia stand mit einer lauwarmen Kaffeetasse da und fragte sich, warum sie eigentlich jeden Tag so tat, als hätte sie ihr Leben im Griff.
Sie war 25, hatte studiert, hatte einen Job, der auf dem Papier beeindruckend klang — und doch fühlte sich ihr Alltag an wie ein endloser Montagmorgen.
Sie seufzte, schlürfte den kalten Rest Kaffee und öffnete den Laptop. 43 neue E-Mails.
Sie ignorierte sie gekonnt, wie eine Meisterin des Aufschiebens, und griff nach ihrem Handy.
Eine Nachricht.
Unbekannte Nummer.
„Emilia? Ich soll dir etwas von deinem Großvater übergeben.“
Emilia blinzelte irritiert.
Ihr Großvater.
Der Mann, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte.
Der Mann, über den ihre Eltern nie sprechen wollten.
Der Mann, der ihr früher Kakao gemacht hatte, während er ihr mit ruhiger Stimme Geschichten erzählte, die nach Wald, Sommer und Freiheit klangen.
„Das Leben, meine Kleine“, hatte er damals gesagt und mit dem Löffel Kreise in ihren Kakao gezeichnet, „lässt sich nicht planen.“
Dieser Satz hatte sich tief festgesetzt — obwohl sie damals noch viel zu jung gewesen war, um zu verstehen, was er wirklich meinte.
Dann kamen die Jahre des Schweigens.
Ein Streit, den sie nicht nachvollziehen konnte.
Ein Kontaktabbruch, den ihre Eltern entschieden hatten.
Und Emilia — viel zu jung damals, viel zu abhängig — hatte nichts tun können.
Sie las die Nachricht erneut.
„Er möchte, dass nur du das bekommst. Kannst du heute Nachmittag zu einem Übergabeort kommen?“
Emilia runzelte die Stirn.
Übergabeort?
Klang wie ein Drogendeal.
Oder wie der Anfang eines Films, in dem man später im Publikum sitzt und denkt: Warum ist sie da hingegangen?
Nur dass sie jetzt diejenige war, die überlegen musste.
Ihr Handy vibrierte erneut.
Diesmal ein kurzer Zusatz:
„Es geht ihm nicht gut.“
Emilias Herz rutschte spürbar nach unten.
Sie hatte immer gedacht, es gäbe später Zeit.
Irgendwann.
Wenn sie erwachsener war.
Wenn sie mutiger war.
Wenn der Streit ihrer Eltern endlich Schnee von gestern war.
Vielleicht war „irgendwann“ jetzt plötzlich sehr, sehr schnell geworden.
Sie antwortete nur:
„Wo?“
Ende der Leseprobe · © Manuel Picoco
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